Achtung: Lücke!

Achtung Lücke im Lebenslauf

Da liegt sie vor Dir, die Bewerbung Deines Wunschkandidaten. Alles passt, auf den ersten Blick… und dann der große Schreckmoment: die Lücke im Lebenslauf!

Der Lebenslauf ist wohl DAS wichtigste Dokument bei der Auswahl der Bewerber, die uns als potenzielle Mitarbeiter richtig erscheinen. Dass der Lebenslauf immer eine vergangenheitsorientierte Betrachtung ist, nehmen wir in Kauf. Zwar gewinnen Profile zur Potenzialbetrachtung an Bedeutung, aber der Lebenslauf hat noch lange nicht ausgedient.

Das Idealbild des lückenlosen Lebenslaufs von der ersten Ausbildung bis zur Rente oder Pension – das finden wir immer seltener. Solche Lebensläufe sind Geschichte, denn Karrieren werden brüchiger, Berufsbilder verändern sich. Immer mehr Menschen streben nach Selbstverwirklichung und danach, in einem Beruf zu arbeiten, der sie jeden Morgen begeistert aus dem Bett springen lässt. Die Stationen auf dem Weg zu diesem Ideal sind Lebensabschnittjobs.

Trotz dieses Wissens und aller Vernunft zu dem Thema, bereiten Lücken im Lebenslauf noch vielen Personalern Bauchschmerzen. „Die Wirtschaft liebt ja doch die Eindimensionalen mit sehr stringentem Lebenslauf – auch, wenn immer gesagt wird, jeder soll mal über den Tellerrand schauen und Querdenken.“ sagt Thorsten Knobbe, Coach und Gründer der Firma Leaderspoint, die sich auf Karriere-Services spezialisiert hat.

Der Makel: die Lücke im Lebenslauf

„Sie haben da eine Lücke im Lebenslauf.“ – „Ja, war echt geil!“ Das ist in den letzten Wochen oft in den Sozialen Medien aufgetaucht, und ich schmunzle jedes Mal, wenn ich es lese. Würde ich auch so im Vorstellungsgespräch reagieren?

„Wie ich sehe, haben Sie dort im März aufgehört, und Ihren nächsten Job haben Sie dann im November angefangen – was haben Sie denn in der Zwischenzeit gemacht?” – Das ist wohl eher die übliche Herangehensweise, oder?

Eine Umfrage von Jobware zeigt, dass die Lücke im Lebenslauf ein großes Gewicht bei der Beurteilung der Bewerber hat. 96 Prozent der Personaler gaben an, dass sich Lücken im Lebenslauf nachteilig auswirken.

Lücke im Lebenslauf

Quelle: Jobware Umfrage-Report 2014/2015

Das spiegelt auch die Google-Suche wider:

  • Lücken im Lebenslauf – 8 Tricks dagegen
  • Wie rechtfertigt man Lücken im Lebenslauf?
  • Lücken im Lebenslauf vermeiden und mit Fakten füllen
  • Lücken im Lebenslauf? Das sollten sie tun.
  • Lebenslauf Lücken – so wird Ihr Lebenslauf stimmig.

Diese Lücken sind nicht nur ein Schönheitsfehler, sondern sie stellen eine echte Einschränkung dar. So groß und relevant, dass es sogar Tipps zum Beschönigen oder gar Vertuschen gibt. Das gibt mir zu denken – und falls ein Stellensuchender zufällig diesen Beitrag liest: vergiss es! Lügen statt Lücken bringt nichts. Im Gegenteil, es verschlechtert die Chancen.

Die Lücke im Lebenslauf wird teilweise sogar als K.O.-Kriterium bei der Auswahl der potenziellen Mitarbeiter genutzt.

Wieso maßen wir uns an, dieser Lücke so viel Bedeutung zu geben, dass sie zum „Jobkiller“, wie es auf einer Website beschrieben wird, mutiert?

Was macht die Lücke so furchtbar?

Diese Frage beschäftigt mich. Warum ist die Lückenbetrachtung so relevant bei der Personalauswahl? Warum sind Lücken im Lebenslauf ein so großes Handicap?

Im Grunde sind diese Lücken ja nichts Mystisches. Sie sind auch nicht „Nichts“. Niemand wird diese Zeit in einer Parallelwelt verbracht oder eine Existenz in den Wirrungen der Matrix geführt haben. Es ist kein schwarzes Loch, in dem alles verschwindet. Auch die Lücken haben einen Inhalt.

Unser negatives Urteil liegt wohl darin begründet, dass die Lücken im Lebenslauf ein Zeitraum sind, in dem jemand nichts getan hat, was den Erwartungen der Gesellschaft entspricht und einer materiellen Absicht folgt.

Ein Blogger hat sich mit diesem Thema sehr kritisch auseinandergesetzt: „Was wir nicht tolerieren können, sind Zeiten, in denen Du einfach nur ein Mensch warst und keine für uns erkennbare Funktion ausgefüllt hast. Das geht nicht. Du hast Dich gefälligst nützlich zu machen. Für das Menschsein an sich bietet die Gesellschaft keinen Platz.“

Da schließt sich die Frage an, warum jemand Lücken im Lebenslauf hat. Weil er Mensch sein wollte?

Was steckt hinter den Lücken?

Genau da würde ich bei jedem interessanten Bewerber mit Lücken im Lebenslauf ansetzen. Warum gab es Phasen in seinem Leben, in denen er keiner Erwerbstätigkeit nachging?

„Die einen nennen es eine Lücke im Lebenslauf – ich nenne es pure Lebenserfahrung,“ schreibt eine junge Frau, die nach dem Abitur ein Jahr in Australien verbracht hat.

„Liebe Arbeitgeber, mein Kind ist keine Schwachstelle! Eine beherzte Working-Mum, die Kind UND Job über alles liebt.“

„Nach welchen Kriterien wird überhaupt entschieden, was eine LÜCKE ist und was nicht? Reisen junge Menschen nach ihrem Schulabschluss ein Jahr durch die Welt, gilt das als Erweiterung des Horizontes. Mache ich das mit 40, bin ich in der Midlife-Crisis und nicht mehr belastbar. Meine Auszeit wird zur LÜCKE.“ bringt Ulrike Rosina klar zum Ausdruck.

Nicht immer sind Selbstverwirklichung und kreative Auszeiten der Grund für Lücken im Lebenslauf. Auch Familie (Kinder oder Pflege von Angehörigen), Krankheiten oder schlichtweg eine schwierige Situation am Arbeitsmarkt können ebenso Ursache für eine längere Pause vom Erwerbsleben sein.

Wir können auch den Blick auf die positiven Aspekte wie Mut, Neugierde, Flexibilität und nicht zuletzt Selbstvertrauen richten, die Bewerber mit „schwierigen“ Lebensläufen oft auszeichnen. Mut zur Lücke – warum eigentlich nicht?

Ist die Lücke im Lebenslauf überhaupt aussagekräftig?

Uwe Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück, sagt, dass Bewerber mit Lücken im Lebenslauf zu Unrecht aussortiert werden. In einer Studie ging er der Frage nach, inwiefern Lücken im Lebenslauf mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängen. Das Ergebnis der Studie: Lücken und Persönlichkeit hingen wenig zusammen. Die Zusammenhänge zwischen Lebenslauflücken und Persönlichkeitseigenschaften waren gering.

Wurde der Grund der Lücke berücksichtigt, waren Lücken aussagekräftiger. Größere Zusammenhänge zwischen Lücke und Persönlichkeit gab es, wenn die Gründe der Auszeit betrachtet wurden:

  • Krankheit: Wenn eine Person längere Zeit krank war, ging eine Lücke mit weniger Selbstkontrolle einher.
  • Reise: Wer länger reiste, war weniger gewissenhaft und selbstkontrolliert.
  • Arbeitslosigkeit: Bei Arbeitslosigkeit waren Lücken mit geringer Zielorientierung verbunden.
  • Abgebrochene Ausbildung: Hier gingen Lebenslauflücken mit geringerer Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit einher.

Zusammenfassung: Die Lücke im Lebenslauf – Zweifelhaftes Kriterium bei der Personalauswahl

Was also tun bei Lücken im Lebenslauf? – Mut beweisen. Mut zur Lücke!

Anerkennen, dass jemand seinen ganz eigenen Weg geht, der auch „Lücken“ mit sich brachte.

Aufs Potenzial des Bewerbers schauen! Ein klares Anforderungsprofil, ein Metaprogramm-Profil unterstützt Dich in der Einschätzung der Stärken des Bewerbers.

Bei letzten Zweifeln über das Talent und Potenzial eines Bewerbers: gib ihm eine Chance. Beim Probearbeiten oder an einem Schnuppertag kann er sein Potenzial zeigen.

Ich wünsche Dir viel Mut!

Hab Spaß,
Silke

Hat Dir der Artikel gefallen? Dann teile ihn gerne.

Hat Dir der Beitrag gefallen?

Du möchtest keinen Tipp mehr verpassen und noch mehr darüber erfahren, wie Du einfach die richtigen Mitarbeiter findest? Erhalte 1 x pro Woche kostenlos Informationen und Tipps für Deinen Personaleralltag.

Deine Daten sind bei mir sicher. Ich gebe sie nicht an Dritte weiter und schicke auch keine ungewollte Werbung.

4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Silke,
    wieder einmal wird der Unterschied zwischen Frankreich und dem deutschsprachigen Raum sichtbar. Hier in Frankreich sind klassische Lebensläufe nicht üblich. Also die Auflistung von all dem, was man wann in seinem Leben gemacht hat, möglichst lückenlos…
    Hier wird ein Lebenslauf aufgeteilt in drei Bereiche:
    1 – die Ausbildung und eventuelle Weiterbildungen
    2 – die Berufserfahrungen
    3 – die Kompetenzen
    Dabei bekommen die Kompetenzen das grösste Augenmerk. Hier kann der Bewerber sozusagen seine Brücken bauen von persönlichen Erfahrungen (auch beruflicher Natur) oder Einschätzungen bis hin zur Stelle, für die er sich bewirbt.

    Ich komme ja ursprünglich aus dem künstlerischen Bereich und habe vom Arbeitsamt ein Coaching bekommen, als ich in die „normale Arbeitswelt“ umsteigen wollte. Dieses Coaching war mit einem Arbeitspsychologen, der von meiner Ursprungswelt keinen Schimmer hatte.
    Und diese gemeinsame Auseinandersetzung war sehr wertvoll.
    Er half mir, meine Kompetenzen zu sehen und sie für einen „normalen Arbeitgeber“ zu übersetzen.

    Alles ist eine Frage der Ausleuchtung. Worauf richte ich meinen Scheinwerfer?

    Heute helfe ich Menschen dabei, ihren Lebenslauf zu schreiben. Und es ist hochspannend, in die sogenannten Lücken zu schauen. Dort verbirgt sich oftmals der grösste Schatz.
    Aber wir haben hier in Frankreich auch keine klassischen Lebensläufe…

    Danke für deinen Artikel. Immer wieder ein Denkanstoss.
    Grüsse aus dem fernen Süden,
    miRjana

    1. Liebe Mirjana,

      wie schön, dass Du schreibst, in den Lücken liege oft ein großer Schatz verborgen. Das habe ich auch schon oft festgestellt. Zu schade, wenn bei der Auswahl der Bewerber diese Lücke so abschreckend wird, dass ein toller Kandidat deswegen nicht die Chance bekommt, sich persönlich vorzustellen.

      Das liegt dann in der Tat auch am Schweinwerfer des Personalers, der „Fehler“ sucht, um nach dem Ausschlussprinzip zu selektieren.

      Ich habe den Eindruck, dass oft schon eine wohlwollende Betrachtung sehr hilfreich ist. Wer das alte Denken, dass Bewerber Bittsteller sind, hinter sich lässt, ist offen dafür, neugierig auf andere Menschen zuzugehen und etwas über den Menschen und seine Kompetenzen zu erfahren.

      Liebe Grüße
      Silke

  2. Liebe Silke

    Jaja… die Lücke im Lebenslauf…. Ich sitze immer wieder in den Bewerbergesprächen und HR reitet auf ein paar fehlenden Monaten herum. Okay: Manchmal hat der Bewerber geschlampt und schlicht falsche Zahlen hingeschrieben. Gute Entscheidungshilfe für mich.

    Nur sehr oft ist mir die Lücke total egal! Der Mensch zeigt die richtige Geisteshaltung, antwortet die richtigen Dinge, passt einfach. Und in der Nachbesprechung geht es dann wieder um die ach so tragische Fehlzeit, um drei Monate Urlaub nach dem letzten Job.

    Mittlerweile habe ich eine These dazu: Die Lücke ist einfach zu sehen. Ich habe nach dem Gespräch gern richtig tiefe Diskussionen über den Bewerber. Wenn mir mein HR-Gegenüber aber im Wesentlichen berichtet, dass da ein paar Monate fehlen, befürchte ich, dass sonst nichts wahrgenommen wurde. Schade eigentlich…

    Oder steckt Selbstschutz dahinter? Wenn die oder der Neue dann am Ende doch nicht der richtige war, führt der Firmen-Patriarch dann HR vor, weil die nicht einmal den offensichtlichen Fehler im LL gefunden haben?

    Just a thought
    OLAF 🙂

    1. Hallo Olaf,

      danke für Deine Gedanken! Sich übermäßig auf die Lücke zu konzentrieren halte ich für schlichtweg fehl am Platz, wenn sonst alles bestens passt. Personaler als „Lückensuchgeräte“ ist keine schöne Vorstellung.

      Ich glaube, dass Du mit dem Thema Selbstschutz Recht haben kannst.

      Beste Grüße
      Silke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte ergänze, damit Du Deinen Kommentar absenden kannst: *